Wir haben heute den Tag des Herrn und unweit von uns ist eine Kirche, was liegt da also näher als die Messe zu besuchen!? Hier sollte ich auch rasch darauf hinweisen, dass die Kirche in Polen ein klein wenig...sagen wir "anders" ist als in Deutschland.
Kirche ist in Polen in etwa so wie ein McDonalds Franchise auf der ganzen Welt. Fast alle Kirchen sind irgendwie gleich ausgestattet, riechen gleich und bieten alle dasselbe an.
Vor der Kirche gibt uns ein Schild darüber Auskunft, dass an Sonn- und Feiertage lächerliche NEUN Messen und an Werktagen nur SIEBEN Messen gelesen werde. Heidnische Zustände in Polen!
Doch betreten wir nun die Kirche. Ein kurzer Blick genügt um das standard Inventar zu überprüfen, als da wären:
- riesige Marienstatue----check!
-viel Gold und Prunk----check!
- großes Jesus-bild rechts vom Altarraum----check!
- Bóg zaplac/ Vergelts Gott Schild vor jedem Opferstock----check!
Doch irgendetwas fehlt hier, ah da haben wir es auch schon. Links vom Altar ein gewaltiges Bild vom fast heiligen JP II mit kleinem Bänkchen zum beten und natürlich ein Sammeldöschen welches für höchst karitative Zwecke eingesetzt wird, wie z.B. den: der Pfarrer braucht ein neues Auto-Fond.
Ich setze mich relativ weit hinten in eine Bank, denn ich will mir eine Fluchtmöglichkeit lassen, schließlich könnte mich der Verlauf der Messe derart aufregen oder aber - was wesentlich profaner ist - der doppelte Espresso vor dem Kirchgang könnte seinen Tribut fordern. Anfänglich bin ich etwas verwirrt, denn es ist 8 Minuten vor Messebeginn und ich erspähe noch den ein oder anderen freien Sitzplatz. Jedoch wird dieser Umstand sich innerhalb von 5 Minuten revidieren. Die Kirche ist plötzlich total voll! Und ich meine hier so voll, dass man in Deutschland wahrscheinlich aufgrund einer Brandschutzverordnung schon den Laden dicht gemacht hätte.
In Polen - und gerade in der Kirche - denkt man noch gerne in Schwarz und Weiß. Folglich sind alle Menschen die zur Messe gehen gut und die die zu Hause bleiben generell schlecht bzw. Atheisten und höchstwahrscheinlich Nekrophile oder so. Innerhalb der Kirchengemeinde wird dann ebenfalls noch mal aufgeteilt. Die Menschen die in den ersten vier Reihen sitzen und am meisten Geld ins Körbchen werfen sind natürlich die besten Christen. Listige Rentner haben sich die ersten vier Reihen mit einem ausgetüftelten Rotationsprinzip auf ewig gesichert, so dass nur ein auserwählter Kreis von super guten Menschen dort sitzen kann. Je weiter hinten man sitzt umso schlechter ist man. Ihr glaubt das nicht? Einmal in Zakopane sagte der Pfarrer während der Predigt und mit dem Finger auf sie zeigend, dass die Leute die hinten am Ausgang sitzen bzw. stehen ja allesamt schlechte Christen sind. Denn wären sie gute Christen, dann wären sie gefälligst früher gekommen um einen guten Platz zu erhaschen! Doch zurück zu meiner Kirche hier...
Kurz bevor die Messe beginnt kommt noch eine ältere Frau mit buschigen Pelzmantel reingehuscht und stellt sich neben mich, da zwischen mir und meinen Sitznachbarn exorbitante 10 cm Platz sind, wird kurzerhand verlangt "ein wenig zusammenzurücken"! Gesagt getan, Fluchtmöglichkeit adé. Denn würde ich jetzt während der Messe aufstehen und gehen wollen, so hätte man mich mit brennenden Fackeln aus der Stadt gejagt.
Also bin ich schon einmal gezwungen mindestens bis zur Kommunion auszuharren. Etwas nervös musste ich an den doppelten Espresso denken, versuchte aber diese bösen Gedanken schnell zu vertreiben.
Ich wollte dem ganzen aber eine Chance geben und vielleicht ist der Pfarrer ja klasse drauf und schafft es, etwas bewegendes zu erzählen. Endlich geht es los; eine bescheidene Anzahl von 10 Messdienern läuft artig vor dem Pfarrer her. Selbstverständlich alles Burschen. Mir scheint das die lieblichsten und jüngsten unter ihnen recht auffällig nah beim Pfarrer aufgestellt sind...doch ich könnte mich irren.
Zu Beginn wurde erst mal der Verstorbenen gedacht und man sollte dafür beten, dass Stefan und Magda das Abitur bestehen. Moment mal....?! Ja ihr habt richtig gelesen, gegen einen kleinen Obolus, kann man in Polen für alles eine Messe auslesen lassen. Ich persönlich finde es respektlos gegenüber Menschen die gerade einen kürzlich Verstorbenen beweinen noch mal schnell für Magda und Stefan zu beten, damit sie das Abitur schaffen. Mit deren Abitur hat nur deren eigene Leistung was zutun und nicht das die Oma dem Pfarrer nen 20er in die Hand drückt, damit dieser für die beiden betet.
Generell sollte hier noch erwähnt werden, dass ich die Angewohnheit habe während der Messe nicht zu singen oder mitzusprechen. Das hat nichts mit Protest oder Unfrömmigkeit zutun, ich habe es mir einfach irgendwann abgewöhnt, ohne großartigen Grund oder fremdes Zutun. Selbstverständlich wurde ich nach den ersten 15 Minuten von meinen direkten Nachbarn sehr schief angesehen. Welch christliches Verhalten der Nächstenliebe! Nicht das ich evtl. Stumm sein könnte oder vielleicht einfach die Gebete und Redewendungen nicht auf Polnisch beherrsche....Nach zwei Lesungen und dem Evangelium kommt normalerweise die Predigt. Hier war es ebenfalls so, nur dass der wohlgenährte Großinquisitor persönlich die Predigt gehalten hat, während der Pfarrer still auf seinem Schemel saß. Während dieser ergreifenden Predigt fiel ungefähr 493 mal das Wort Sünde. Grundtenor der ganze Geschichte war, dass ja alles so heidnisch geworden ist, alle Menschen schlecht sind und niemand über Religion reden darf außer die Kirche. Wenn man irgendwelche kritischen Frage ( GOTT BEWAHRE !!! ) hat, dann soll man kräftiger glauben. Da theologisch inkompetente Leute ( original Wortlaut ) nicht das Recht haben über Gott oder die Kirche zu reden. Nur die Kirche darf das.
Ich fühlte mich plötzlich wie in einer Hinterhof Moschee ( oh oh wenn Claudia Roth das liest...) und musste unwillkürlich an dieses witzig gemeinte Bild denken von wegen: Der Chef hat immer Recht usw. hier müsste es nur heißen
1. Die Kirche / der Pfarrer und Radio Maria haben immer Recht
2. Keine kritischen Fragen, sonst bist du ein Atheist. Besser kräftiger beten!
3. Wenn der Pfarrer mal nicht Recht hat, tritt Punkt 1 in Kraft.
Man muss sich das einmal vorstellen, der Mann redet vor einer Kirche, die so voll ist wie in Deutschland an Weihnachten und Ostern zusammen. Jeder deutsche Pfarrer hätte ein nasses Gewand deswegen gehabt. Der füllige Großinquisitor beschwert sich aber lieber, dass ja alles so schlecht ist.
Meine Güte, welch Sermon ich da von mir gegeben habe! Nun ja, wie ihr seht musste das sein. Ich wünsche allen noch einen geruhsamen gottesfürchtigen Sonntag.
In diesem Sinne,
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